Metal up your Mühlenteich

Beschaulich: Das Gelände vom CMOA
Stilquerschnitt: Coming Fall
Trueness Pokal ehrlich verdient: Steelclad
Technisch perfekt: Purgatory
Würdiger Headliner: Artless
Doom am Mittag: Hiam
Volle Bühne: Mortjuri
Wahnsinnsauftritt: Recapture
Leider Stimmprobleme: Spawn
Launige Ansagen: Abrogation
Feierten die neue Platte: Disrepute
Keine Verschaufpause: Desaster
Desaster
Auf Kuschelkurs: Lay Down Rotten
Lay Down Rotten

Das Wetter wird kritisch beäugt – hält es oder hält es nicht? Es hält. Zwar ist es bedeckt und kühl, aber damit perfekt für Biertrinken geeignet. Und diese Gelegenheit hat man beim CMOA häufiger als woanders: hier kostet 0,4 Bier nur 2 €. Der Mühlenteich ist nah genug, um bei schönem Wetter dort zu klönen und weit genug weg, um bei voller Birne nicht reinzufallen. Weiterhin ist gut, dass die erste Band am Freitag erst um 19:30 anfängt, denn so hat auch die berufstätige Bevölkerung eine Chance auf das komplette Billing. Jedenfalls gut angekommen nach etlichen Stauumfahrungen und anderen Widrigkeiten wie einem nervigen Navi („Links abbiegen nach Hauptmannsgrün“), wird das Zelt auf dem gleichen Platz wie immer aufgeschlagen und dann erst einmal ein Gerstensaft verhaftet. Als dann soweit Mensch und Zelt gebührend vorbereitet sind, geht es auch schon los mit dem chronischen Moshen. 

Pünktlich startet die Zwickauer Band Coming Fall. Der erste Eindruck ist nicht schlecht, klingt ziemlich deathig, was die Jungs da fabrizieren. Aber irgendwann driftet die Musik ins Schwarze ab, wird mehr zu Black Metal, zeigt deutliche Doom-Einflüsse. Eins kann man der Band nicht vorwerfen: In einem bestimmten Stil sind sie nicht festgefahren.

Danach kamen nicht wie angekündigt Recapture sondern Steelclad – und gäbe es einen Pokal für Trueness, wäre er an diese Band gegangen. Bei den ersten Tönen verwischt die Zeit – prompt steht man im Jahre 1985. Steelclad wildern sich quer durch den Metalgarten: Zwischen voll erblühten Iron Maiden, Judas Priest und Saxon (von denen sie „Demin and Leather“ covern), recken noch ein paar Accept und Omen (dabei mit „Battle Cry“) die Knospen aus dem Beet. Die Hommage an diese Bands findet im Outfit Vollendung: Kutte, Nieten, Spandex und selbstgebastelte Schienbeinschoner alá Glam – die Jungs sind oben Kreator und unten Kiss. Am genialsten ist jedoch die Gitarre des Sängers Mike Steel, die mit Stoff bespannt und mit Patches benäht ist. Kult! Die Mucke macht Spaß und drückt auf den Moshmuskel, aber das ist ja schließlich auch das Thema des Wochenendes – und trotzdem sollten Männer keine Spandex tragen!

Nach gestandenem Power Metal kommt dann die Death-Walze herangerollt, denn Purgatory geben sich die Ehre. Hübsche Outfit-Choreografie – die beiden Axtmänner links und rechts tragen je ein identisches Pentagramm auf der Brust, Frontkugel Dreier glänzt dagegen mit der Wahrheit: Gott ist heut nicht hier. Die Jungs ballern der aufgeheizten Menge neues (das letzte Album ist grad zwei Monate draußen) und altes Material in die Ohren. Das hört sich gut an und sieht auch gut aus, aber irgendwie wirkt der Gig einen Tick zu routiniert. Aber letztendlich haben die Leute Spaß dran, das ist schließlich, was zählt – also Sieger durch technischen k.o. in der ersten Runde.

Dann wird’s Zeit für Artless, Haus- und Hofband der Chronical Moshers. Die Headlinerposition wirkte auf mich anfangs ein wenig eitel, aber ich tue der Band unrecht – sie werden abgefeiert ohne Ende. Das Zelt ist gesteckt voll, das Publikum nicht zu halten. Die Band spielt eine Art Doom-Death, mal langsam, mal Midtempo, aber immer kraftvoll. Die Stimme von Sänger Burgi klingt sehr intensiv und individuell, sein Gesang gibt der Mucke einen speziellen Touch und erhöht den Wiedererkennungswert enorm. Also keine Eitelkeit, die Reichenbacher waren der Headlinerposition mehr als würdig und viele Abendkassengäste waren gekommen um sie zu sehen.

Der Samstag begann hervorragend, nämlich mit einem kompletten Frühstück für 2,50 €. Semmel (die doppelten Brötchen, nicht die einfachen bayerischen), Wurst und Käse satt, Butter, Marmelade, Kaffee. Das Catering ließ insgesamt eigentlich keine Wünsche offen (na gut, Vegetarier wären vielleicht nicht so glücklich gewesen), aber dieses Frühstück war ein Sonnenstrahl. Und da die Bands erst um 13:30 anfangen sollten, konnte man sich dann gesättigt noch mal bis zum Mittag aufs Ohr hauen und die restlichen Biere verdauen.

Um 13:30 startete der Samstag dann mit Hiam. Nicht viele Zuschauer hatten sich eingefunden, um dem Doom der Band zu lauschen, aber das kann auch an der frühen Stunde gelegen haben. Da Doom nicht meine Mucke ist, blieb die Band für mich irgendwie konturlos, aber das kann ich vielleicht einfach nicht gut genug beurteilen.

Danach brach die Zeit für Symphonic Black Metal an. Auf der Bühne war es denn auch ein wenig eng, neben einem Keyboard, dass ja durchaus etwas Platz wegnimmt, tummelten sich 6 Menschen auf den Brettern. Allerdings gilt für Mortjuri das gleiche wie für Hiam: Nicht meine Baustelle, ob nun gut oder schlecht.

Als dann die mir bis dato völlig unbekannten Recapture die Bühne enterten, starrte ich zuerst völlig entgeistert auf die die zierliche Person am Micro: Nicht schon wieder Spandex! Aber das Persönchen entpuppt sich als Frau – und lebender Beweis, für wen diese Hosen eigentlich gemacht wurden. Aber diese Nebensächlichkeit lenkt vom eigentlichen Thema ab, denn als die Dame den Mund öffnet, tut sich ein Tor zur Hölle auf – und zwar zu dem Teil, in dem sich bereits Bands wie Holy Moses, Desaster und alte Sodom zusammen mit den ehemaligen Occult zusammengesetzt haben, um bei schwarzen Messen dem Black Thrash zu frönen. Der Nackenmuskel zuckt bei diesem monströsen Riffgewitter schon automatisch mit und die Stimme von Michéle from Hell dringt über die Ohren in Organe vor, von denen man gar nicht wusste, dass man sie hat. Wahnsinn, so ein intensiver Auftritt!

Und dann Tusch für die Berliner! Als Hauptstadtbewohner ist der Support von Spawn Pflicht. Die Death Metaller wirken ehrlich und unaufgesetzt: Abgesehen von ihrem kraftvollen, irgendwie erdigen Death sind die Herren (und die Dame am Bass) fast schmucklos – mit ihren Alltagsklamotten sehen sie aus, als hätte der Auftritt sie zuhause mitten im Abwaschen erwischt. Aber genau diese Unaufgeregtheit wirkt sich positiv aus, Spawn brauchen eben keine Schnörkel für ihren gradlinigen, intensiven Metal. Leider kommt es nach etwa 2/3 des Auftritts zur Beinahekatastrophe: Der Sänger verliert seine Stimme, entschuldigt sich mit einer zurückliegenden Stimmbandentzündung und die Band spielt als Entschädigung „Hammer smashed face“. Das schmerzverzerrte Gesicht des Fronters bewirkt aber bei fast allen Fans Halsschmerzen. Lieber Matt: Von hier aus ein aufrichtiges ‚Gute Besserung’, komm bald wieder auf die Beine bzw. zu Stimme – ohne Dich fehlt dem Metal ein wichtiges Organ! Und ihr wart trotzdem super!

Da Spawn früher aufhörten als vorgesehen, haute dann auch der Zeitplan wieder einigermaßen hin. Somit stellen sich Abrogation ihren Fans. Die deutschen Texte sind mit Black Metal unterlegt, außerdem macht Fronter Schwarte launige Ansagen dazu. Allerdings auch nicht mein Gebiet, darum kein weiteres Urteil.

Disrepute haben ihr neues Album Hunting the Scum just auf den Markt geworfen. Damit wird das CMOA flugs zu Record Release Party erklärt und frisch drauflosgefeiert. Das machen die Jungs so tüchtig, dass sie innerhalb kürzester Zeit das Fell der Basedrum durchschlagen und erst einmal eine neue besorgt werden muß. Sänger Jens unterhält das Publikum während der Zwangspause mit ein wenig Stehgreif-Comedy, in der es um weibliche, sekundäre Geschlechtsmerkmale geht. Danach wird weiter erbarmungslos draufgedroschen, mit unglaublicher Power hauen die Jungs ihren Death Thrash raus. Weiterhin gibt es lauter kleine Show-Inseln: So springt der Fronter in die Menge und mosht mit der ersten Reihe, dann wiederum verschenkt er fünf CD’s an die ersten fünf Leute, die sich auf die Bühne wagen. Insgesamt ein sehr unterhaltsamer, energiegeladener Gig einer guten und motivierten Band.

Nun wird’s langsam gemütlich vorne – Desaster werden die nächsten sein. Somit drängt ein thrashwütiges Völkchen in die erste Reihe. Und dann Stahlgewitter ab die Post, die Koblenzer machen keine Gefangenen. Die immense Spielfreude, die die Band ausstrahlt, steckt alle an, die ersten Reihen bestehen nur aus rotierenden Matten. Gestartet wird mit „Satans Soldiers Syndicate“ und arbeitet sich dann die Klassiker der Bandgeschichte hoch, auch durchsetzt von Songs der letzten Scheibe – so z.B. dem der ersten Reihe gewidmeten Song „Hellbangers“. Man endet schließlich mit „Metalized Blood“, die Überziehung des Zeitplans duldet leider keine Zugabe. Wer nach diesem Auftritt nicht durchgeschwitzt und fertig ist, war wahrscheinlich nur auf der Durchreise und ist aus Versehen ins Zelt gestolpert.

Stilbruch ahoi, Manos beehren die Bühne. Diese 1984 in der DDR gegründete Band ist so was wie die Urmutter aller Knorkators und Grindfuckers dieser Welt. Die speziellen Coverversionen der Band sind schon sehr lange Kult, der Thrashcore hat unzählige Fans. Allerdings strapazieren „Biene Maja“ und „Paulchen Panther“ sowie Lieder wie „Bockwurst“ meinen Humor etwas. Aber die Show ist ablenkend genug (wenn man davon absieht, dass der Chef beim Spielen seit Jahren in einem Sessel sitzt), wenn man z.B. in eine mit Luftballons gefüllte Riesenbockwurst beißen soll oder die auf der Bühne aufgebaute Rutsche, welche die demnächst sicherlich olympische Disziplin des Metaller-Akkord-Rutschens trainiert. Das Publikum rastet jedenfalls gepflegt aus und feiert die Band im wahrsten Sinne manisch (und rutscht bei Gelegenheit).

Später gab es denn noch Death Metal auf Kuschelkurs. Lay Down Rotten agieren als Einheit aus einem Guß, so nimmt man der Band ihren freundschaftlichen Gestus gerne ab. Dies ist eindeutig der beste Auftritt, den ich von den Jungs bisher gesehen habe, es macht Spaß zuzuschauen, wie die Hessen alles geben. So gibt es „Reconquering the pit“ und „Breeding insanity“ von den gleichnamigen Alben, Sänger Jost verschenkt Bier in die dankbare Menge und kündigt an, später mit den Leuten zusammen bei Schnaps und Bier Master anzuschauen. Der druckvolle Death Metal kommt wie immer gut an, denn er ist kraftvoll und intensiv. Zum Abschluß gibt’s noch den Knaller „Within the veil (The Antidote)“ vom Breeding Insanity Album, der stark bejubelt und bemosht wird.

Für den Autor war es das, die Heimat ruft. Es ist schade, Master nicht zu sehen, aber wir müssen leider los. Trotzdem war es wieder ein besonders schöner Festivalhöhepunkt dieses Jahr.

Fazit: Das Chronical Moshers ist sowieso immer ein Pflichttermin und hat mich auch dieses Jahr wieder begeistert. Tolle Bands und diese wunderschöne Gelände machen einfach ein gemütiches Festival aus. Das Publikum im Zelt besteht etwa je zur Hälfte aus Camping- und Tagesgästen, dadurch sind aber Sauberkeit und Klosituation in Ordnung. Dieses Jahr war es etwas kühl, wenn auch ohne Regen, aber wenn wie letztes Jahr wieder 30 Grad sind, kann man auch in dem nebengelegenen Mühlenteich baden gehen (und die Einheimischen erschrecken, die sich dort ebenfalls einfinden).

Das Essen ist super und dabei preiswert (Gulasch mit böhmischen Knödel 4 €, Wurstgulasch mit Nudeln 3 €, diverse belegte ganze Brötchen z.B. Mett oder Fisch 1,50 € etc.), ebenso die Getränke (Bier 2 €, Antialk 1,50 € je für 0,4 l). Camping ist kostenlos und die meisten Bands laufen das Festival über gemütlich mit den anderen Fans unbehelligt durch die Gegend.

Vielen Dank an die Veranstalter: Bis nächstes Jahr – Prost!


Sister

 

Coming Fall

Steelclad

Purgatory

Artless

Hiam

Mortjuri

Recapture

Spawn

Abrogation

Desaster

Manos

Lay Down Rotten

Master